Vom Ermittler zum Evaluator – kein großer Schritt? Evaluation bei der Polizei

Interview mit Ingo Dungs

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Evaluation kann in jedem Politikfeld, in jedem Bereich stattfinden – warum nicht auch bei der Polizei? In diesem Interview berichtet Ingo Dungs, Erster Kriminalhauptkommissar von der Zentralstelle Evaluation der Polizei NRW, über die vielen Parallelen von Evaluation und Ermittlungsarbeit, aber auch über die Besonderheiten von Evaluation im Polizeikontext.

Evelyn Funk: Danke Ingo, dass du dir die Zeit nimmst für das Interview. Es freut mich sehr, dass wir über deine Arbeit sprechen können und darüber, wie bei der Polizei und ganz konkret beim Landeskriminalamt (LKA) evaluiert wird. Es wäre fantastisch, wenn du ganz zu Beginn ein paar Worte zu dir selber sagen könntest, und wie du ganz persönlich zum Thema Evaluation gekommen bist.

Ingo Dungs: Ich bin seit 1983 bei der Polizei, habe ganz praktisch angefangen. Bin über Hundertschaften und dann über den Aufstieg in den gehobenen Dienst zur Kriminalpolizei gekommen. In den unterschiedlichsten Funktionen, also Organisierte Kriminalität, Kriminaldauerdienst et cetera. Ca. 2003, 2004 bin ich dann erstmals in Kontakt gekommen mit dem Thema Evaluation, da war ich noch bei der Polizei in Dortmund. Jede Behörde sollte seinerzeit einen Ansprechpartner benennen für das Thema Evaluation, das gerade neu kam. Das war ich dann, und so kam der erste Kontakt mit dem Thema zustande. Das hat mich dann etwas angefixt. 2009 bin ich zum LKA gewechselt, zur Zentralstelle Evaluation (ZEVA), also einer Dienststelle der Polizei, die sich ausschließlich mit dem Thema Evaluation befasst. Das ist deutschlandweit einmalig, dass die Polizei eine eigene Dienststelle für Evaluation als Sachgebiet, als reines Sachgebiet im Landeskriminalamt, eingerichtet hat. Ich bin freiwillig 2009 dorthin gegangen und bin heute immer noch dort. Seit 2012 leite ich die Dienststelle.

"Wenn man ein Ermittlerherz hat bei der Polizei, ist der Schritt zur Evaluation gar nicht so weit, wie es auf den ersten Blick scheint."

Ingo Dungs

Evelyn: Du hast gerade gesagt, dass dich das Thema angefixt hat. Ich verstehe das natürlich, weil ich ja auch seit vielen Jahren am Thema dran bin als Wissenschaftlerin. Aber Evaluation ist doch eigentlich ganz weit weg von dem, was du als Polizist vorher gemacht hast und womit du vorher gearbeitet hast, oder?

Ingo: Auf den ersten Blick vielleicht. Auf den zweiten Blick gibt es da sehr große Parallelen zur Arbeit auch von Kriminalpolizei. Also, was machen Kriminalpolizisten, die Ermittler? Ich habe unter anderem vier Jahre Organisierte Kriminalität bearbeitet. Das heißt, man musste da wirklich sehr komplex und sehr genau ermitteln. Du musst sehr strukturierte Vernehmungen führen. Da wären wir schon beim Thema. Der kriminalpolizeiliche Ermittler sammelt Beweise, Befunde. Das macht er sowohl objektiv als auch subjektiv. Subjektiv heißt, er vernimmt Menschen zu den Sachverhalten und Geschehensabläufen, er vernimmt Beschuldigte. Und, was machen wir in der Evaluation? Wir sprechen mit Menschen. Wir führen hypothesengestützte Interviews, strukturierte Interviews durch, prädiktive Interviews, die ähneln schon sehr Vernehmungen. Der Polizist macht Observationen. Der Sozialwissenschaftler nennt es dann Beobachtungen. Man erhebt Daten, man beobachtet Sachverhalte, schreibt das auf, was man beobachtet hat, und evaluiert das in einem weiteren Schritt. Im Grunde sammelt man Beweise, Befunde und Belege für eine Theorie – oder, im Fall der Kriminalpolizei versucht man beispielsweise, einen Täter zu überführen. Bei der Polizei gibt es dann eine Anregung, also eine an die Staatsanwaltschaft gerichtete Bitte, jemanden einzusperren. Bei der Evaluation geht es halt darum, entsprechende Erkenntnisse zu schaffen, Legimitation zu schaffen und Handlungsempfehlungen zu generieren. Es ist also eine große Nähe. Wenn man ein Ermittlerherz hat bei der Polizei, ist der Schritt zur Evaluation gar nicht so weit, wie es auf den ersten Blick scheint.

Evelyn: Es hört sich so an, als wäre dann die Polizei auch eine Art von Organisation, die für das Thema Evaluation eigentlich ziemlich offen sein müsste, wenn es da doch so einige Parallelen gibt. Du hast aber gerade auch schon gesagt, dass die ZEVA im Moment eine einzigartige Position hat, dass es in den anderen Bundesländern keine vergleichbaren Stellen gibt. Kannst du etwas dazu sagen, wie das kommt, dass es in NRW diese ZEVA gibt, und in anderen Bundesländern nicht? Und was bedeutet das? Findet dort dann einfach keine Evaluation statt?

Ingo: Ich fange mal ganz von vorne an. Die Polizei hat auf der einen Seite sicherlich schon von jeher eine gewisse „Evaluationskultur“. Einsätze werden vorbereitet, durchgeführt, nachbereitet. Wir sind da sehr nah am „plan, do, check, act“ – und das sind wir ja auch im Bereich Evaluation: ex-ante-Evaluation, ongoing Evaluation, Prozessevaluation, Wirkungsevaluation et cetera. Das ist das, was eigentlich für eine Nähe zum Thema spricht. Dagegen sprechen in meinen Augen zwei Sachen. Das eine ist die Fehlerkultur der Polizei. Grundsätzlich sucht die Polizei immer Fehler bei anderen: „zu schnell gefahren“, oder man schaut, ob sich jemand verspricht in einer Aussage und so weiter. Da ist schon eine gewisse Distanz zu Fehlern. Die Wissenschaft lebt von Fehlern; bei der Polizei ist es eher schwierig. Das ändert sich im Moment ein bisschen. Es gibt eine neue Führungskultur, die langsam Einzug hält. Da wird man sicherlich auch schauen, wie man mit Fehlern umgeht. Das zweite ist, dass die Polizisten zunächst sehr schnell dabei sind, Probleme zu lösen. Du hast beispielsweise einen Einsatzfall, einen Familienstreit. Du gehst da rein, da hast du keine Zeit für eine Literaturrecherche. Du musst sofort Lösungen haben. So wird man im Grunde als Polizist sozialisiert. Und die Evaluation ist ja schon, was die Planungsphase angeht, eher strategisch. Man muss sich zurücknehmen, man muss das Problem eingrenzen. Und dann kommt man erst nochmal zu dem Punkt, wo genau die Ursachen liegen, macht sich Gedanken über Wirkungslogiken et cetera. Also spricht das erst mal ein bisschen gegen die Polizei. Jetzt komme ich nochmal auf deine Frage zurück, wieso es nur in NRW so eine Dienststelle für Evaluation gibt. Das ist eine gute Frage. Das Ganze ist eigentlich bei der Polizei über die Kriminalprävention gewachsen. Wenn man Ende 1990er Jahre, Anfang 2000 gefragt worden ist, ob kriminalpräventive Aktivitäten der Polizei Erfolge haben und Wirkung zeigen, war es noch üblich, dass man gesagt hat: „Das ist nicht messbar.“ Deswegen hat jeder gemacht, was er wollte. Das ist dann auch mal angeprangert worden, unter anderem vom Landesrechnungshof in Nordrhein-Westfalen, aber auch auf Bundesebene. Das führte dann dazu, dass es in der Verlängerung der Innenministerkonferenz eine Bund-Länder-Projektgruppe zum Thema Evaluation gab. Diese Projektgruppe hat 2002 einen Bericht vorgelegt.

Standardbroschüre "Qualitätssicherung in der Polizeiarbeit" (wird aktuell überarbeitet)

Es gab zwei Kernpunkte: Zum einen ist 2003 eine Standardbroschüre veröffentlicht worden. Darin ging es um die Planung von evaluationsfähigen Konzepten, weniger um Evaluation an sich. Wirkungsorientierte Planung, könnte man sagen. Und aktuell gibt es eine neue Bund-Länder-Arbeitsgruppe, die sich unter dem Titel „Wirkungsorientierte Präventionsarbeit“ zusammensetzt und die Broschüre nochmal anpasst. Da sind wir mit dabei. Der zweite Anker, den die Projektgruppe „Evaluation“ geworfen hat, war, dass die Bundesländer sich strukturell zum Thema Evaluation aufstellen sollten. Nordrhein-Westfalen hat das gemacht: Zum einen wurde in jeder Behörde ein sogenannter Ansprechpartner für Evaluation benannt. Aktuell haben wir also im Grunde 47 Ansprechpartner für Evaluation im Land, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, mehr oder weniger gut. In meinen Augen ist das heute ein stumpfes Schwert. Und als zweites hat man eine zentrale Dienststelle im Landeskriminalamt gegründet, in Nähe zur kriminalistisch-kriminologischen Forschungsstelle, die parallel eingeführt worden ist, und zur polizeilichen Kriminalstatistik. Und in der Familie wurde dann die Zentralstelle für Evaluation angedockt mit Einführungserlass vom 11.11.2003 – ein historisches Datum! Die Dienststelle wurde im April 2004 ins Leben gerufen. Die anderen Bundesländer haben das nicht gemacht, aus welchen Gründen auch immer. Wir sind über die Zeit oftmals beneidet worden, angefragt worden. Es gibt vereinzelt Menschen in den einzelnen Bundesländern, mit denen man zu dem Thema sprechen kann. Festzuhalten ist aber, es gibt überhaupt keine bundesweite Vernetzung im Thema Evaluation der Polizei. In der DeGEval beobachte ich mittlerweile, dass auch andere Bundesländer da Fuß fassen, beispielsweise über die Hochschule der Polizei. Auch Niedersachsen ist mittlerweile dabei, aber das ist sehr, sehr spärlich. Man erfährt höchstens mal durch Zufall, vielleicht auf dem Deutschen Präventionstag, dass beispielweise ein anderes Bundesland eine Uni mit einer Evaluation beauftragt hat, aber es gibt da keine Vernetzung.

Evelyn: Ja, interessant. Da sind bald 20 Jahre ins Land gegangen, aber verändert hat sich – bis auf NRW – noch nicht viel. Schauen wir doch mal auf das, was die ZEVA macht, vielleicht auch als Beispiel für die anderen Bundesländer. Vielleicht kannst du allgemein beschreiben, wie ihr aufgestellt seid und wie ihr euer Aufgabenprofil seht.

Ingo: Bei der Gründung gab es zwei Optionen: Entweder man nimmt Polizeibeamte und versucht, diese in Bezug auf methodische Kompetenz fortzubilden. Das war per se aber schwierig, weil es keinen großen Markt gibt für Fortbildungen zu Evaluation. Oder man nimmt Sozialwissenschaftler und versucht, die ins Polizeigefüge reinzubringen. Es wurde dann entschieden, zunächst mal mit Polizeibeamten anzufangen. Auch, weil die Nähe zur kriminalistisch-kriminologischen Forschungsstelle mit Wissenschaftlern gegeben war. Das hat im Grunde auch erstmal ganz gut funktioniert. Die Dienststelle ist dann gewachsen: Maximal sind wir fünf Polizeibeamte und Polizeibeamtinnen. Heute haben drei von den fünfen einen wissenschaftlichen Hintergrund. Die haben also vor der Polizei oder auch parallel studiert: Psychologie, Politikwissenschaft, et cetera. Ein weiterer Quantensprung war tatsächlich die Fortbildung „Evaluation in der Entwicklungszusammenarbeit (FEEZ)“, damals federführend unter dem CEval als verlängertem Arm der Uni Saarbrücken. Da haben wir zum ersten Mal wirklich in Richtung Evaluation gedacht. Bis dahin ging es eigentlich eher um Konzepterstellung, so wie es auch die Broschüre beschrieben hat. Aber das eigentliche Basisgeschäft von Evaluation, das Bewerten, Wirkungsnachweise et cetera, das fing eigentlich erst ab 2010 mit FEEZ an. Damit kommen wir jetzt auch zu unseren Aufgaben als ZEVA. Im Grunde bedienen wir vier Säulen. Die erste Säule ist: wir beraten und unterstützen die 47 Kreispolizeibehörden und die drei polizeilichen Landesoberbehörden in der Konzeptionsplanung, sodass die Konzepte evaluierbar bleiben. Wir geben Hinweise, wie sie mit einfachen Mitteln auch selbst Evaluation machen können, also im Grunde ein Coaching, sodass sie Entscheidungen auf stabilere Füße stellen können. Zweitens betreiben wir so eine Art Wissensmanagement. Wir holen Wissen zum Thema Evaluation rein, sind sehr umtriebig, zum Beispiel in der DeGEval. Wir bilden uns fort, sind auf vielen Tagungen, Fachkonferenzen et cetera und greifen dort das Wissen anderer Bereiche ab: zum Beispiel ist ja die Entwicklungszusammenarbeit sehr weit im Thema Evaluation, aber auch soziale Dienstleistungen et cetera. Wir schauen uns da viel ab und transportieren das in die Polizei hinein. Also beispielsweise Fokusgruppen als Datenerhebungsmethode, oder das Thema Wirkungslogik, Kontributionsanalyse et cetera. Dann schauen wir, wie wir das Wissen innerhalb der Polizei weitergeben können. Wir haben ein 5-tägiges Seminar in der Polizei, das nennt sich „Instrumente der Staatsarbeit“. Das ist für Leute, die strategisch arbeiten, Führungskräfte unterstützen, Konzepte ausarbeiten. Da sind wir mit einem ganzen Tag nur zum Thema Evaluation vertreten. Und das machen wir seit einigen Jahren, haben also schon hunderte von Kollegen und Kolleginnen darin schulen können. Darüber hinaus sind wir in der Ausbildung zum höheren Dienst vertreten, also Führungskräfte des höheren Dienstes in der Polizei. Da gibt es dann auch eine Pflichtveranstaltung zum Thema Evaluation. Die Polizei Nordrhein-Westfalen hat circa 56.000 Mitarbeiter, es ist also keine leichte Aufgabe, das in die Köpfe zu kriegen. Aber: Steter Tropfen höhlt den Stein. Dritter Baustein der ZEVA ist die Auftragsvergabe. Wenn wir große Projekte haben, die landesweite Bedeutung haben, wo es wichtig ist eine Kausalität nachzuweisen zwischen polizeilichen Kampagnen und Wirkungen, die man sich erhofft – dann lassen wir extern evaluieren. Nehmen wir mal als Beispiel „Kurve kriegen“ oder den kriminalpräventiven Bereich. Das externe Evaluieren geht über den Weg der Auftragsvergabe und das ist jetzt auch neu für die Polizei, solche wissenschaftlichen Leistungen auszuschreiben. Gerade in Evaluationen, wo noch nicht mal die Evaluationsfragen feststehen, ist es eine Herausforderung, Angebote vergleichbar zu halten. Wir versuchen dann, qualifizierte Leute zu bekommen. Die DeGEval ist da wieder sehr hilfreich bei der Veröffentlichung von Ausschreibungen, denn über sie kommen wir immer an sehr gute Institute oder Universitäten, die ganz beachtliche Arbeit leisten. Der vierte Baustein ist, dass wir selber Evaluationen durchführen innerhalb der Polizei, als In-House-Evaluation. Also wir, als Teil der Polizei, der aber nicht für die Umsetzung verantwortlich ist, evaluieren selbst. Das machen wir mittlerweile schon in allen Bereichen der Polizei. Wir haben sehr viel gemacht im Einsatzbereich, bei Maßnahmen im Fußball. Das kann auch im Verwaltungsbereich sein, zum Beispiel zum Schichtdienstmodell, aber natürlich auch im Bereich der kriminalpräventiven Themen oder im Verkehrsbereich. Aktuell begleiten wir die Einführung einer neuen Organisationseinheit. Im Ergebnis muss man nach über 17 Jahren in der Dienststelle sagen: Polizei ist sehr speziell. Und entsprechen müssen in meinen Augen für Evaluation bei der Polizei drei Sachen zusammenkommen. Das erste ist die methodische Kompetenz. Die haben wir zu einem großen Teil, aber die kaufen wir uns auch gerne ein. Für uns ist aber neben der methodischen Kompetenz auch das Organisationsverständnis sehr wichtig: Wie laufen Prozesse in der Polizei ab, wie sind wir strukturiert, wie fließen Informationen, wo finde ich relevante Personen, die wirklich Aussagen geben können, und so weiter und so weiter. Wenn ich das nicht habe, und ich lasse einen Wissenschaftler alleine auf die Polizei los, dann kann der Schuss nach hinten losgehen. Da werden möglicherweise statistische Zahlen fehlinterpretiert, dann findet man nicht die richtigen Ansprechpartnerinnen – es ist also sehr schwierig. Die Kombination macht es dann. Wir nennen es jetzt „kooperative Evaluation“. Das heißt, wir machen zusammen mit externen Wissenschaftlern etwas. Das hat sehr viel Benefit. Erstens bringt der Wissenschaftler methodische Kompetenz und im Grunde genommen die letzte Unabhängigkeit mit rein. Zweitens lernen wir parallel; wir bilden uns als Dienststelle methodisch fort. Wir schließen die Lücke, die der Wissenschaftler hat in Bezug auf das Institutionsverständnis. Und schließlich, was wir nicht unterschätzen dürfen: Wir bringen auch die Feldkenntnisse mit. Zum Beispiel wissen wir beim Thema Wohnungseinbruch genau, was da abläuft. Der Zeuge ruft an, meldet einen Einbruch. Dann kommt erst der Streifenwagen, dann kommt die Kriminalpolizei, dann werden die Spuren gesichert, dann werden die Ermittlungen aufgenommen, dann geht es zur Sachbearbeitung, dann geht es zur Staatsanwaltschaft et cetera. Diese ganzen Feldkenntnisse können wir ja liefern. Das hat jetzt in einigen Fällen herausragend funktioniert. Ein Musterbeispiel ist die Evaluation von SKALA. SKALA ist eine Anwendung, die entwickelt worden ist für Predictive Policing. Wir haben das hier im LKA angedockt. Über drei Jahre haben wir die Einführung mit einer Evaluation begleitet, zusammen mit Dr. Christian Erzberger aus Bremen. Es war großartig, wie das alles zusammengespielt hat.

Evelyn: Was das der erste Fall einer kooperativen Evaluation, um euren Begriff zu verwenden?

Ingo: Tatsächlich ist der Begriff da auch entstanden! Eigentlich war es als In-House-Evaluation mit wissenschaftlicher Begleitung gedacht, aber wir haben sehr schnell festgestellt, dass es ist mindestens ein Fifty-Fifty-Geschäft ist. Und als wir dann vor dem leeren Deckblatt standen, haben wir kurz die Wortfindungsmaschine angeworfen, und kamen auf den Begriff kooperative Evaluation. Das war im Grunde die Geburtsstunde, und dieses Modell haben wir danach noch öfter so angewandt.

Evelyn: Dass ihr als Organisationsinterne euch so intensiv an der Evaluation beteiligt ist ja eigentlich ein Ideal in der Evaluation. Auch in anderen Politikfeldern träumt man davon: „Wir bringen von außen die Methodenkenntnisse mit, und ihr habt die Organisationskenntnisse, die Feldkenntnisse. Und wir ergänzen uns wunderbar und machen dann zusammen eine Evaluation.“ Aber in der Praxis scheitert das sehr häufig an Ressourcen, weil bei so einem Modell die Organisationsangehörigen auf der auftraggebenden Seite einfach sehr viel investieren müssen.

"Wir reden über Ressourcenknappheit, zu wenig Personal, zu viele Aufgaben und so weiter. Ja. Aber es spart eben auch nach hinten raus Ressourcen, ein Projekt sauber zu durchdenken und dann Maßnahmen punktgenau anzudocken. Und wenn ich dann hinterher noch fundiert gucken kann, ob wirklich die Wirkungen eintreten, die ich mir erhofft habe, dann habe ich natürlich eine gute Blaupause für andere Maßnahmen. Und dann müssten nicht andere Behörden die gleichen Fehler nochmal machen."

Ingo Dungs

Ingo: Wir sprachen ja vorhin davon, warum sich andere Bundesländer bei dem Thema scheuen: Es schluckt Ressourcen. Nach meiner Einschätzung ist das aber zu kurz gedacht. Ich glaube, so eine Dienststelle, wie wir sie haben, macht großen Sinn. Wir reden über Ressourcenknappheit, zu wenig Personal, zu viele Aufgaben und so weiter. Ja. Aber es spart eben auch nach hinten raus Ressourcen, ein Projekt sauber zu durchdenken und dann Maßnahmen punktgenau anzudocken. Und wenn ich dann hinterher noch fundiert gucken kann, ob wirklich die Wirkungen eintreten, die ich mir erhofft habe, dann habe ich natürlich eine gute Blaupause für andere Maßnahmen. Und dann müssten nicht andere Behörden die gleichen Fehler nochmal machen. Ich bin tief davon überzeugt, dass das Sinn macht. Und es freut mich zu beobachten, dass unser Ministerium mittlerweile auch das Herz für Evaluation entdeckt hat. Wir sind mittlerweile in ganz vielen wichtigen Vorhaben des Landes involviert. Zum Beispiel konnte ich mal dem Innenminister persönlich die geplante Evaluation eines Vorhabens vorstellen – so weit sind wir schon! Im Moment gibt es drei ganz große Landesprojekte, in denen wir prominent beteiligt sind, mit den Themen Fachaufsicht, Führung und Personalentwicklung. Die sind an ganz hoher Stelle angesiedelt im Ministerium, also topstrategische Themen im Land Nordrhein-Westfalen bei der Polizei. Und da gibt es jeweils ein eigenes Teilprojekt zum Thema Evaluation. Das ist großartig. Das Thema ist sensationell angekommen im Ministerium, darüber bin ich sehr froh und sehr dankbar. Man denkt also in die richtige Richtung und zwar ergebnisoffen – und davor muss ich den Hut ziehen. Man lässt sich also wirklich von Argumenten überzeugen.

Evelyn: Wie würdest du denn die Ziele von Evaluation bei der Polizei beschreiben? Einiges von dem, was du gesagt hast, deutet so daraufhin, dass es da viel ums Lernen geht. Wie würdest du das beschreiben, und welche Rollen spielen Legitimation und Kontrolle in Relation dazu?

Ingo: Ich hätte jetzt tatsächlich einige Beispiele, wo ich ein ehrliches Interesse der politischen Führung erkenne im Sinn der lernenden Organisation: Da steht der Evaluationszweck Erkenntnisgewinnung an allererster Stelle. Es gibt teilweise auch den Evaluationszweck der Legimitation, zum Beispiel finden sich im Polizeigesetz Passagen, wo einzelne Paragrafen mit einem Zusatz versehen sind, dass genau diese rechtlichen Eingriffe über Evaluation legitimiert werden müssen. Das war beispielsweise der Fall bei Videobeobachtung auf öffentlichen Wegen und Plätzen, oder beim Orten von Mobiltelefonen zur Gefahrenabwehr. Auch das neue Polizeigesetz hat da die eine oder andere Passage, wo es tatsächlich um Legitimation geht. Und der Evaluationszweck der Kontrolle, der ist sicherlich auch sekundär in manchen Bereichen dabei. Dafür kann ich das Beispiel „Kurve kriegen“ nennen. Darin geht es um das Verhindern von kriminellen Karrieren von Kindern und Jugendlichen, die sehr früh auffallen durch größere Delikte und bei denen man auf Grund von möglicherweise fehlenden Schutzfaktoren und bestehenden Risikofaktoren annehmen kann, dass diese zu Intensivtätern werden, wenn man nichts tut. Man versucht dann, sehr punktgenau an den Defiziten der Person anzusetzen. Das ist ein einmaliges Projekt in NRW, das von der Uni Kiel wirkungsevaluiert worden ist. Alles lief sehr gut, und es ist mittlerweile fast schon ein kleiner Exportschlager. In Nordrhein-Westfalen ist es inzwischen ausgeweitet auf 35 Standorte und soll noch weiter in die Fläche gebracht werden. Das Ministerium hat dann einen Leitfaden und Standards zur Umsetzung entwickelt und wollte wissen, wie diese Standards in den Behörden umgesetzt werden. Die Evaluation wurde ausgeschrieben und wieder in Form einer kooperativen Evaluation durchgeführt, zusammen mit der Firma Univation. Dabei ging es zwar auch um Kontrolle, aber im Schwerpunkt ging es tatsächlich um die Erkenntnis, ob dieser Leitfaden auch in die Lebenswirklichkeit passt, ob er strukturell überall umzusetzen ist. Wir haben 47 Behörden, die sind sehr unterschiedlich. Wir haben Landräte, Flächenbehörden, es gibt große Polizeipräsidien. Und da gibt es unterschiedliche Voraussetzungen: Die eine Behörde hat ein Jugendamt, die andere Behörde muss elf Jugendämter bedienen, und so weiter. Also war das Erkenntnisinteresse: Wenn wir das Projekt noch weiter ausweiten, passt es überall? Das ist insgesamt sehr gut gelaufen. Im Ergebnis halten sich alle Behörden an den Leitfaden. Die Behörden haben teilweise individuelle Handlungsempfehlungen bekommen, Best Practice Modelle. Und wir haben noch zusätzlich eine Kompetente entwickelt, die bei Clankriminalität ansetzt. Ob das ein Modell ist zur Prävention wurde auch in einer Prozessevaluation überprüft. Nicht um Wirkung nachzuweisen, dafür ist es zu früh. Aber um zu gucken, ob die Implementierung passt.

Evelyn: Ja, spannend. Das sind in jedem Fall alles sehr komplexe Evaluationsgegenstände und dann auch sehr komplexe Evaluationsdesigns, mit denen ihr arbeitet. Ich würde gern abschließend noch fragen, was denn deine persönliche Vision ist für das Thema Evaluation bei der Polizei. Was würdest du dir wünschen, wo sich das Ganze hin entwickeln soll?

"Ich würde mir sehr, sehr wünschen, dass andere Bundesländer nachziehen würden, dass es bundesweit eine Vernetzung gibt, dass man da das Wissen zusammenzieht, das es gibt, dass man nicht immer überall bei Null anfängt. Wir haben 17 Jahre lang die Dienststelle aufgebaut. Wir haben uns die Nase öfter mal eindrücken lassen, haben aber auch aus Fehlern gelernt. Und natürlich würden wir auch gerne von dem Wissen abgeben, wir wissen im Moment nur leider nicht an wen."

Ingo Dungs

Ingo: Ja, da gibt es viel. Fangen wir mal auf Bundesebene an. Ich würde mir sehr, sehr wünschen, dass andere Bundesländer nachziehen würden, dass es bundesweit eine Vernetzung gibt, dass man da das Wissen zusammenzieht, das es gibt, dass man nicht immer überall bei Null anfängt. Wir haben 17 Jahre lang die Dienststelle aufgebaut. Wir haben uns die Nase öfter mal eindrücken lassen, haben aber auch aus Fehlern gelernt. Und natürlich würden wir auch gerne von dem Wissen abgeben, wir wissen im Moment nur leider nicht an wen. Wir haben Ende 2019 hier anlässlich des fünfzehnten Geburtstages eine Fachtagung gemacht und dazu auch Kollegen aus anderen Bundesländern eingeladen. Das war sehr gut, aber das war halt nur ein Anfang. Also, das wäre ein Wunsch, dass das Thema Evaluation auch insgesamt in der Polizei stattfindet. Eine kleine Anekdote am Rande: Gerade war wieder der deutsche Präventionstag, leider nur online. In Präsenz würden 3.000-4.000 Menschen daran teilnehmen. In den entsprechenden Auftaktveranstaltungen ist sehr oft die Rede von evidenzbasierter Kriminalprävention, und in jedem zehnten Satz taucht auch das Wort Evaluation auf. Schaut man aber genauer hin, dann wird das Thema Evaluation aber doch nur sehr spärlich behandelt. Für Nordrhein-Westfalen kann ich sagen, wie schon erwähnt, dass wir mittlerweile eine herausragende Sichtbarkeit im Ministerium haben. Wir würden auch gerne in den Behörden weiter mithelfen und unterstützen. Dafür müssten wir vielleicht auch mal noch wissenschaftlichen Zuwachs bekommen. Dann können wir mehr auch Behörden in die Lage versetzen, selbst so einen Evaluationsgedanken aufzugreifen. Ich habe es ja anfangs schon mal beschrieben: Ermittlungsarbeit hat schon eine gewisse Nähe, und Evaluation ist kein Hexenwerk. Zumindest sollte ich Entscheidungen von einer Behörde an transparent erhobenen Befunden, an klaren Kriterien festmachen. Dass ich mir also im Vorfeld erstmal in der Planung Gedanken mache, wie ich etwas bewerten kann, wo ich Indikatoren finde, die geeignet sind. Eine Bewertung muss ja gar nicht 100 Prozent kausal sein. Das ist eh sehr schwierig bei der Polizei, eine Kausalität rigoros nachzuweisen. Wir sind im sozialen Leben, und das ist nun mal kein Labor. Aber ich komme vielleicht zu einer hinreichenden Plausibilität, dass viel dafür und wenig dagegenspricht, und ich da zumindest eine Entscheidung ableiten kann, ob ich ein Projekt fortführe oder einstampfe oder zumindest in veränderter Form fortführe. Bis dahin ist es ein weiter Weg, aber wir haben mittlerweile schon einiges geschafft in Nordrhein-Westfalen. Großartig ist, wie gesagt, die Vernetzung mit anderen, zum Beispiel über die DeGEval. Es wäre aber noch schön, wenn wir mehr Fortbildungsangebote hätten in Deutschland; das ist auch sehr mau. Ja, und so gehen wir Schritt für Schritt.

Evelyn: Ja, ich glaube, ihr seid auf einem ganz guten Weg. Ganz herzlichen Dank für die vielen spannenden Einblicke in eure Arbeit und in deine Gedanken dazu. Wir werden uns mit Sicherheit bald mal wieder im DeGEval-Kontext über den Weg laufen – ich freue mich, wenn wir uns da wiedersehen. Und du bist ohnehin immer gerne ansprechbar, wenn es Fragen gibt oder wenn sich jemand austauschen möchte über eure Arbeit, über Evaluation im Allgemeinen, richtig?

Ingo: Wir sind ja sowohl Auftragnehmer innerhalb der Polizei, als auch Auftraggeber. Wir schreiben ja beispielsweise die kooperative Evaluation oder auch komplett externe Evaluationen aus. Das ist sicherlich auch interessant für die Kollegen in der Evaluationscommunity, die einen Fuß in diesem Bereich fassen wollen. Da das Thema Evaluation in der Polizei gerade ein bisschen brummt, ist damit zu rechnen, dass es auch mehr Ausschreibungen geben wird.

Evelyn: Wer sich dafür interessiert, wird fündig im Newsletter der DeGEval oder bei euch auf der Seite?

Ingo: Grundsätzlich schreiben wir über die Vergabeplattform NRW aus. Aber wir versuchen auch, zum Beispiel über den Newsletter der DeGEval darauf hinzuweisen.

Evelyn: Danke für den Hinweis – und nochmals danke für das Interview!

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