Blogbeitrag zum Interview mit Chris Lysy

EVALUATION UND CARTOONS – INTERVIEW MIT CHRIS LYSY (FRESHSPECTRUM.COM)

Für den PME-Blog habe ich mit Chris Lysy gesprochen. Chris ist Evaluator und Designer und in der Evaluations-Community auf der ganzen Welt bekannt für seine Cartoons zu Evaluationsthemen. Per Zoom haben wir unter anderem über seine Arbeit an den Schnittstellen von Daten, Design und Cartoons gesprochen und darüber, wie junge Evaluator*innen ihren Weg in die Profession finden können. Da, wo Worte nicht ausreichten, hat Chris mit einem Cartoon geantwortet.

Evelyn: Herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Buch, das im August herausgekommen ist! Ich glaube, fast jede*r in der deutschen Evaluations-Community ist schon einmal über einen Cartoon von dir gestolpert – in einer Präsentation oder in einem Buch… Was glaubst du, warum deine Cartoons überall so gut ankommen?

Chris: Die Texte zu übersetzen, sodass die Cartoons auch in anderen Sprachen funktionieren, das ist der schwierige Teil. Die Konzepte selbst, die hinter den Cartoons stehen, eigenen sich ziemlich gut für eine Übersetzung. Der Stil ist simpel: Ich benutze fast nie Farben. Ich variiere Frisuren und Persönlichkeiten, damit man beim Lesen die Menschen hineinprojizieren kann, die man kennt. Ich versuche auch, möglichst wenig Worte zu benutzen und schnell zum Punkt zu kommen.

Evelyn: Gibt es einen Cartoon, auf den du besonders stolz bist, für den du vielleicht besonders viele Reaktionen bekommen kannst?

Chris: Die Frage gebe ich zurück: Hast du Lieblings-Cartoons?

Evelyn: Mir gefallen deine Cartoons zu Wirkungsmodellen, weil ich das Thema auch unterrichte. Ich mag auch die Cartoons, die zeigen, dass wir uns und das, was wir tun, für so wichtig halten – und dann kommt jemand daher und relativiert alles mit nur einem Satz.

„Meine Lieblings-Cartoons sind die, auf die verschiedene Leser*innen unterschiedlich reagieren, denn sie bringen eine Diskussion in Gang.“

Chris: Ja, damit arbeite ich gerne. Ich habe einen Master in Soziologie und bin Auto-Didakt in Bezug auf Evaluation. Ich habe in der Auftragsforschung angefangen und später in Non-Profits der frühkindlichen Bildung im Bereich Evaluation hier in North Carolina gearbeitet. Der Kontext war für mich immer sehr wichtig: Was passiert bei den Menschen drumherum? Nicht bei denen, die im Fokus stehen, sondern bei den Außenstehenden.

Es gibt einen Cartoon zur Spannung am Beginn jeder Evaluation. Da sind zwei Personen, und eine sagt: Ich kenne mein Projekt, ich weiß, dass es wirkt! Und die andere sagt: Nein, das tust du nicht. Ich mag das sehr gerne, weil die Menschen das sehr unterschiedlich lesen, je nachdem wer sie sind und welche Erfahrungen sie bisher gemacht haben. Meine Lieblings-Cartoons sind die, auf die verschiedene Leser*innen unterschiedlich reagieren, denn sie bringen eine Diskussion in Gang. Und das ist das, was ich erreichen möchte: Nicht nur ein Statement machen, sondern eine Frage stellen, oder eine Herausforderung beschreiben. Ich denke, das funktioniert am besten.

Cartoon - At the beginning of every evaluation

„Ich mag den Cartoon sehr gerne, weil die Menschen ihn sehr unterschiedlich lesen, je nachdem wer sie sind und welche Erfahrungen sie bisher gemacht haben.“

Evelyn: Dem würde ich total zustimmen, denn genau so benutze ich die Cartoons auch in meiner Lehre: Als Eisbrecher, um eine Diskussion zu starten. Du hast gerade erwähnt, dass du einen Master-Abschluss in Soziologie hast. Wie hat dich das Soziologie-Studium auf deine Arbeit im Bereich Evaluation vorbereitet?

Chris: Ich folge meinen Interessen, und das habe ich immer schon so gemacht. Zu Beginn meines Studiums habe ich im Hauptfach Ingenieurswesen studiert. Diese Welt habe ich schnell verlassen und bin zur Kriminologie und Strafjustiz gewechselt, mit kurzen Ausflügen in die Psychologie. Dann bin ich bei der Soziologie gelandet und dort geblieben. Dort geht es viel um Kontext, um Geschichte und Zeiten und Orte, und wie alles zusammenhängt. Im Laufe der Zeit bin ich seitdem immer wieder darauf zurückgekommen. Wir kommen ja alle mit unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen in diese Berufssparte, und diese Erfahrungen geben uns unsere eigene, einzigartige Sicht auf die Dinge. Evaluation ist ein so interessantes Feld, weil wir mit Organisationen arbeiten, die bestimmte Veränderungen herbeiführen wollen. Es ist spannend, herauszufinden, welche Veränderungen sie anstreben, und wie sie das erreichen wollen. Evaluation ist ein sehr praxisorientierter Weg, als Soziologe zu arbeiten – das mag ich.

Evelyn: Du würdest dich also als Soziologe bezeichnen – oder doch eher als Evaluator, oder als Cartoonist…?

Chris: Das ist immer eine Herausforderung (lacht). Wie nenne ich mich? Ich habe schon alle Bezeichnungen verwendet. Ich bin Designer gewesen, Evaluator, Datenanalyst, ein Sozialwissenschaftler; ich habe Cartoons gezeichnet und Bücher illustriert – was bin ich also? Es kommt auf den Tag an, auf den Moment. Meist entscheide ich mich für Evaluator oder Designer und springe zwischen den beiden Professionen hin und her, aber am Ende kommt es auf die Anwendung an und darauf, an welchen Projekten wir arbeiten.

Evelyn: Ich habe auf deiner Webseite gelesen, dass du noch viel mehr tust: Du bietest Dienstleistungen in den Bereichen digitales Veranstaltungsdesign, digitale Kursgestaltung, Webdesign, Berichtsdesign, Cartoons und digitale Strategieentwicklung und Evaluation. Wie hängt das nun alles zusammen?

Chris: Was ich tue, liegt alles in den Bereichen, die sich überlappen. Im Moment gibt es beispielsweise einige Versuche, web-basierte Programme zu evaluieren. So viele Programme sind heute digital – diese Digitalisierung dauert schon seit ein, zwei Jahrzehnten an. Aktuell zieht das Tempo dieser Entwicklung sogar noch an. Wie können wir also unsere Ansätze der Programmevaluation, bei denen wir rausgehen und Menschen interviewen, übertragen? Wie können wir das, was wir traditionell offline machen – in Echtzeit und ganz persönlich – ins Netz bringen? Wie sieht das aus? Diese Fragen haben meinen Werdegang stark beeinflusst. In der letzten Zeit habe ich an einer Reihe von Projekten gearbeitet, in denen es digitale Veranstaltungen gab. Trainings und Konferenzen, die traditionell eigentlich offline in einem großen Tagungshotel stattgefunden hätten. Und jetzt müssen diese Veranstaltungen online laufen, dabei aber die gleichen Erlebnisse bieten. Wie kann das aussehen, wie kann man so etwas schaffen? Hier kann ich auf meine Erfahrung aus zehn Jahren Webdesign aufbauen. Es ist nicht so, dass ich das vorbereitet hätte – ich habe einfach diese Erfahrungen gesammelt, und die online-Events, die ich selbst veranstalte, schließen sich gut daran an.

Aufgabenbereiche von Freshspectrum

„Chris, was machst du eigentlich genau?“

Evaluation und Cartoons – Iinterview mit Chris Lysy

Evelyn: Du hast dich ja schon recht lange auf Digitales spezialisiert – ich finde das ziemlich unkonventionell. Was meinst du: Ist die Evaluations-Gemeinschaft im Allgemeinen nicht eigentlich eher konservativ?

Chris: Ja, dem stimme ich zu. Es gibt so viele Menschen, die sich Evaluator*innen nennen und fürs Evaluieren bezahlt werden, die sich mit Evaluation als ihrem Fachbereich identifizieren. Sie arbeiten in verschiedenen Projektteams, auf verschiedenen Ebenen, in internationalen Programmen bei verschiedenen Durchführungsorganisationen; national und international, non-profit… Die eigentliche Evaluationsarbeit aber findet doch überall statt. Es gibt so viele Menschen, die Evaluationsarbeit leisten, ohne eine Ahnung davon zu haben, dass es überhaupt diesen Fachbereich gibt und dass es da noch so viele andere Menschen gibt, die ähnliches tun. Ich springe zwischen diesen unterschiedlichen Bereichen und Berufen hin und her, die teils miteinander verbunden sind und teils nicht.

User Experience Design ist beispielsweise ein Bereich, der sich im Netz entwickelt hat. Ziel davon ist, die Art zu verändern, wie wir Design fürs Internet machen. Wir designen mit der Nutzerin/dem Nutzer vor Augen. Die Person wird ins Zentrum gerückt, und drumherum entwickeln wir. So viele Evaluationsansätze sind genau so aufgebaut. Es gibt hier also eine Schnittmenge zwischen Evaluation und Design. Je nachdem ob du als User Experience Designer*in oder als Evaluator*in arbeitest wirst du ziemlich unterschiedliche Wege gehen. Aber die Arbeit, die du jeweils machst, hat diese inhärente Gemeinsamkeit: Als User Experience Designer*in leistest du evaluative Arbeit, und als Evaluator*in beschäftigst du dich oft mit Design.  Früher, ganz zu Beginn des Internets, waren alle Webseiten ziemlich hässlich und kaum nutzbar. Es gibt auch heute noch solche Seiten.

Inspiration von Freshspectrum

„Chris, was ist deine Inspiration?“

Aber heute interessieren sich die Designer*innen mehr dafür, welche Erlebnisse die Nutzer*innen mit der Software haben. Man muss heute nicht mehr programmieren können, man muss Menschen verstehen. Man muss Fragen stellen, einen evaluativen Prozess umsetzen, um Programme umzusetzen, die für die Nutzer*innen funktionieren. Ich denke, als Evaluator*innen haben wir das gleiche durchgemacht: Es geht nicht nur um die Daten, es geht nicht nur um das Programm und wie es aufgebaut ist, sondern um die Beteiligten – die Menschen, die es umsetzen. Wie können die eingebunden werden? Wie können wir Programme entwickeln, die den Bedürfnissen dieser Menschen entsprechen, und wie können wir diese Programme dann evaluieren? Dafür können wir so viel von dem Bereich User Experience Design lernen. Mir macht es Spaß, zwischen diesen beiden Bereichen hin und her zu springen und zu sehen, wo sie sich überschneiden.

Evelyn: Zum Abschluss möchte ich dich gerne noch um einen Ratschlag bitten, den du jungen Kolleg*innen im Bereich der Evaluation mitgeben kannst…

„Vielleicht klingt das verrückt, aber man muss nicht 20 Jahre warten, um Expert*in zu werden.“

Chris: Wir erleben heute so viel Wandel. Die Welt steht vielen Menschen offen, weil es das Internet gibt und wir aus der Ferne arbeiten können. Und weil wir uns über weite Distanzen hinweg international vernetzen können ist es überhaupt möglich, dass wir beide heute miteinander sprechen, obwohl wir auf beiden Seiten des Atlantik in unseren Häusern sitzen. All diese Möglichkeiten haben auch Herausforderungen mit sich gebracht, vor denen wir alle stehen: junge Evaluator*innen, Designer*innen, und Berufsanfänger*innen im Allgemeinen. Jetzt muss man Menschen finden, von denen man lernen kann. Es gibt so viele, die da in Frage kommen und für uns Mentor*innen sein können – egal, ob sie älter oder jünger oder gleich alt sind. Und während man nach diesen Menschen sucht muss man auch darüber nachdenken, wie man selbst Expert*in in etwas sein kann.

Ratschlag für neue Evaluatoren

„Chris, welchen Ratschlag kannst du jungen
Evaluator*innen mit auf den Weg geben?“

Man muss solche Bereiche identifizieren, die die anderen vielleicht gar nicht auf dem Schirm haben. Da kann man wirklich Expertise aufbauen. Wenn du die erste Evaluations-Bloggerin in Deutschland sein möchtest, dann kannst du das machen, richtig? Man kann sich solche Dinge einfach zu eigen machen. Es gibt Gelegenheiten – man muss sie einfach wahrnehmen. Vielleicht klingt das verrückt, aber man muss nicht 20 Jahre warten, um Expert*in zu werden. Man kann auch jetzt Expert*in in etwas sein, muss aber verstehen, dass man kein*e Expert*in in allem sein kann. Aber das ist ok, das muss man ja auch nicht.

Evelyn: Danke, das sind sehr wertvolle Gedanken dazu. Ich würde gerne bei einer Sache nachhaken. Du hast das Thema Mentoring erwähnt, das finde ich einen wichtigen Punkt. Anders als in den USA gibt es in Deutschland kaum Fortbildung im Bereich Evaluation. Es gibt lediglich ein Master-Programm, das in wenigen Jahren ausläuft. Es ist also für junge Evaluator*innen schwierig, ihren Weg zu gehen und z.B. auch Mentor*innen zu finden. Hast du konkrete Ideen dazu, wie diese jungen Kolleg*innen erfahrene Menschen finden können, die sie auf ihrem Weg unterstützen?

Chris: Wenn man jemanden findet, der zu einem passt, muss man einfach Kontakt aufnehmen. Vielleicht bekommt man eine Antwort, vielleicht auch nicht. Die Menschen sind meist greifbarer als man denkt. Ich werde zum Beispiel oft kontaktiert und um Gespräche gebeten. Ich habe viel Zeit und ich mach das gerne, denn ich bekomme dabei genau so viel wie ich geben kann. Es gibt so viele Menschen da draußen, die viel Erfahrung haben und die ihre Zeit gerne mit anderen teilen. Das ist also die eine Sache: Habt keine Angst, Leute zu kontaktieren. Die andere Sache ist die: wir brauchen mehr Raum zum Austausch. Das kann ein Blog sein, in dem Menschen interviewt werden, so wie hier. Das können kleine Webinare sein, in denen man sich einfach mit so vielen Menschen wie möglich austauscht. Eine deutschsprachige Webinar-Serie, in der sich Evaluator*innen über ihren Job austauschen, und was sie bisher gelernt haben – das ist eine Umgebung in der sich Menschen via Video vernetzen und persönlicher austauschen, als sie das normalerweise können. Diese Dinge sind unbezahlbar.

Wie findet man einen Mentor?

„Chris, wie findet man Mentor*innen?“

Evelyn: Danke. Das ist eine wunderbare Idee! Gibt es denn noch etwas anderes, was du gerne loswerden möchtest?

„Das allereinfachste ist es, öfter mal die Webcam anzumachen und an mehr Webinaren teilzunehmen. Auch wenn es total casual ist. Wir brauchen mehr Raum zum Austausch.“

Chris: Es gibt mehr Menschen, die so sind wie du als solche, die nicht so sind. Das Niveau der Konversation scheint manchmal so viel höher oder robuster, wenn man aus der Distanz drauf schaut. Man sollte versuchen herauszufinden, wie man sich mit den vielen Evaluator*innen da draußen vernetzen und voneinander lernen kann. Das allereinfachste ist es, öfter mal die Webcam anzumachen und an mehr Webinaren teilzunehmen. Auch wenn es total casual ist. Wir brauchen mehr Raum zum Austausch. Es muss gar nicht voll durchgeplant sein – einfach ein Raum, in dem Menschen zusammen kommen können. Das ist wohl das schwierigste für Evaluator*innen: Denkt nicht zu viel drüber nach! (lacht)

Sind Sie neu beim Thema Evaluation, oder wollen Sie Ihr Wissen auffrischen? Dann ist dieses Angebot vielleicht interessant für Sie: Demnächst startet wieder mein 12-wöchiger Online-Kurs „Gut evaluieren (lassen) – Schritt für Schritt“. Es sind noch Plätze frei.

Intensiver 12 Wochen Kurs zum Thema "Gut evaluieren lassen"

Haben Sie genauso wie Chris einen besonderen Hintergrund, der Ihre Arbeit im Bereich Evaluation inspiriert und bereichert? Erzählen Sie doch mal in den Kommentaren!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to Top